Naturnahe Grünflächen

Foto: Anne-Marie Kölbach
Foto: Anne-Marie Kölbach

Wenn im März die ersten warmen Tage kommen, erwachen manche unscheinbaren Straßenbankette und Rasenflächen zu unerwartetem Leben und es sprießen bunte Frühlingsblüher aus dem Gras: Scharbockskraut, Rote Taubnessel, Löwenzahn und Wiesen-Schaumkraut zählen zu den Arten, die man noch immer hier und da zu Gesicht bekommt. Sie sind begehrte Nektartankstellen für die ersten Schmetterlinge, Bienen und Hummeln, die nun das neue Lebensjahr einläuten und geschäftig von Blüte zu Blüte eilen. In dieser Zeit, in der die Vielfalt der  Pflanzen und Tiere sich zart entfaltet, offenbart sich jäh, wie wenig naturnah die Grünpflege in Köln noch immer ist. Bereits im April rollen vielerorts zum ersten Mal die Mulchmäher über die Flächen und mähen Frühlingsblumen, Schmetterlinge und alles weitere Getier umstandslos ab. Das sieht dann für manch konservative Gemüter zwar „ordentlich“ aus, hinterlässt aber weitestgehend tote Parklandschaften. Es mutet bizarr an, dass solche Praktiken im Zeitalter des Artensterbens noch immer Anwendung finden, und noch immer nicht lautstark hinterfragt werden.
Die hohe Mahdfrequenz auf Kölner Grünflächen ist dabei Sinnbild eines noch immer weit verbreiteten Natur(un)verständnisses. So lange sich die Bewirtschaftung durch den Menschen nicht an dem Lebenszyklus der Pflanzen und Tiere orientiert, werden die Parks und Grünflächen, die Straßenränder und Kreisverkehre, die Böschungen an Schnellstraßen und Schienenwegen, die Dämme der Rheinufer, und viele weitere vom Menschen „gepflegte“ Orte weiter daran gehindert, sich zu artenreichen und vielfältigen Lebensräumen zu entwickeln. Ordnungsliebe und stete Einsparungen in den öffentlichen Haushalten führen stets zu artenarmen Gräserwüsten. 
Dabei kommen allein in NRW Hunderte von Blütenpflanzen vor, die in Offenlandlebensräumen gedeihen können. Dafür muss man ihnen jedoch die Zeit lassen, die sie zum Wachsen, Blühen und Versamen benötigen. Der NABU Köln setzt sich aus diesem Grund im Dialog mit Verwaltung und Politik für einen Paradigmenwechsel in der Grünflächenbewirtschaftung ein. Statt der heute üblichen konventionellen Grünpflege benötigen wir eine naturnahe Pflege, die sich der ökologischen Bedürfnisse der Pflanzen und Tiere bewusst ist. Um bereits heute zu demonstrieren, wie artenreich und ästhetisch hochwertig entsprechend gepflegte kommunale Flächen sein können, haben wir verschiedene Projekte wie etwa das Stadtwiesen-Projekt oder die Bepflanzung der Agneskirche auf den Weg gebracht. Einen gemeinsamen Standpunkt zur Grünpflege hat der NABU Köln in einem Positionspapier festgehalten. Es steht unter Service > Publikationen zum Download bereit.

Foto: Birgit Röttering
Foto: Birgit Röttering

Stadtwiesen statt Rasen

Dass aus dem „Unkrautfeld“ an der Aachener Straße in Jahr Zwei eine richtige Wiese mit blühenden Blumen werden würde: so richtig daran geglaubt hatten wohl die wenigsten Parkbesucher. Sicher, auf den Infoschildern war es zu lesen gewesen: wir bitten um Geduld. Doch das Warten fiel den Meisten (uns eingeschlossen) schwer. Umso größer ist daher nun die Freude über das weiße Margeritenmeer, das seit Ende Mai 2017 über die Fläche geschwappt ist. 
Natürlich ist auch das Meer aus Margeriten noch keine „richtige“ Wiese. Dazu fehlen vor allem die Gräser, und die Vielfalt der anderen Pflanzen. Margeriten sind klassische Pionierpflanzen, die dann brillieren, wenn Lücken vorhanden sind. Das erklärt den starken Auftritt in diesem Jahr. Dies wird sich in den kommenden Jahren jedoch ändern, wenn die Wiese sich weiterentwickelt. Und wer genau hinschaut, erkennt auch im Weiß schon bunte Tupfer: Natternkopf hat einen starken Auftritt, Witwenblume, Salbei und Malve stehen bereit, um in den nächsten Jahren das Ruder zu übernehmen. Dazu wartet vieles weitere im „Untergeschoss“ der Wiese. Statt Weiß heißt es dann: Bunt. 
Werfen wir dazu einen schnellen Blick auf das, was werden kann: eine junge Wiese nach der Margeritenphase bei Sinzenich, tief draußen in der Börde. Ein Blick von oben zeigt, worauf es ankommt: luftige Strukturen aus Gräsern und Kräutern. Viel Licht fällt bis auf den Boden, die Pflanzen bedrängen sich nicht, sonder wachsen in- und miteinander. Ein harmonisches Bild. 
Die Aachener Wiese wird zweimal jährlich vom Pflegeteam des NABU gemäht, das Mahdgut einige Tage später (wenn es angetrocknet ist) von der Fläche geharkt. Es wird anschließend vom Kölner Amt für Landschaftspflege und Grünflächen abgefahren. Das Wiesenteam von der Aachener freut sich dabei immer über Leute, die mit anpacken wollen. Wir meinen: Es lohnt sich zusammen am Fortbestand der Wiese arbeiten, und nebenbei spielerisch auf Tuchfühlung zu gehen mit den vielen tierischen und pflanzlichen Bewohnern.   


Salbeiwiese,  Foto: Volker Unterladstetter
Salbeiwiese, Foto: Volker Unterladstetter

Die Salbeiwiesen von Ossendorf

Was lange währt, wird endlich besser?

Wenn Naturfreunde heute noch mit Salbei zu tun haben, sind sie wahrscheinlich passionierte Köchinnen oder Köche. Den heimischen Verwandten des Küchen-Salbeis kennen viele Menschen nicht mehr. Dabei war der Wiesen-Salbei (Salvia pratensis) noch vor einem guten halben Jahrhundert eine der Charakterarten der buntblühenden Wiesen entlang des Rheins, und hat im Sommer Deiche und Auen geschmückt. In Köln hat er sich an einigen Stellen in kleinen Populationen halten können, doch die massiven Veränderungen in den Landschaften hat auch er nicht schadlos überstanden: im Rheinland steht er als Resultat der schonungslosen industriellen Landnutzung als gefährdet auf der Roten Liste. Statt Salbeiblau dominiert heute „Stickstoffgrün“ die verbliebenen Wiesen in Köln.
In ganz Köln? Nein: Im Ossendorfer Bürgerpark gibt es noch ein stattliches Vorkommen von mehreren Hundert Pflanzen. Sie haben sich auf den mageren Böden über der ehemaligen Deponie ansiedeln können und konnten aufgrund der extensiven Pflege trotz Mulchmahd überdauern. Damit dieser Bestand erhalten bleibt, hat der NABU nun mit der Stadt eine ökologische Pflege der Teilflächen vereinbart. Ziel ist dabei nicht nur ein Schutz der bestehenden Pflanzen, sondern die gezielte Entwicklung hin zu einer artenreichen Stromtalwiese, wie es sie vor gut 50 Jahren entlang des Rheins noch vielfach gab.
Der Wiesen-Salbei steht hierbei stellvertretend für eine ganze Reihe selten gewordener Pflanzen der Wiesen und Weiden (in diesem Fall die trockene Ausprägung der Glatthaferwiesen). Manche dieser Arten fristen in Köln an abgelegenen Reliktstandorten ein prekäres Dasein – und könnten bei Eingriffen in den Standort schnell Geschichte sein. Solche Reliktarten sollen in den kommenden Jahren auf den „Ossendorfer Salbeiwiesen“ angesiedelt werden, quasi als eine Art „Backup“ der Kölner Wiesenvielfalt.
Der NABU möchte die Entwicklung der Salbeiwiesen nicht nur begleiten, sondern aktiv gestalten. Dazu werden in den kommenden Jahren neben der Spätsommermahd Teilbereiche selektiv im Frühjahr gemäht und Saatgut von autochthonen Pflanzensippen eingebracht. Interessierte sind herzlich eingeladen, sich bei der Wiesenentwicklung einzubringen.  


Insektenschwund

von Hubert Sumser

Foto: Volker Unterladstetter
Foto: Volker Unterladstetter

„Dramatische Insektenverluste“ oder ähnlich lauten die Schlagzeilen in der deutschen und internationalen Presse. Über 27 Jahre hatten Mitglieder des entomologischen Vereins Krefeld mit einer von ihnen entwickelten standardisierten Methode die Biomasse der Fluginsekten vor allem in Naturschutzgebieten NRWs gemessen. So konnte zum ersten Mal quantitativ bestimmt werden, wie hoch die Verluste in diesem Zeitraum waren. Biomathematiker der Universität Nimwegen werteten die ermittelten Daten und Daten aus England weiter aus. Um 76 % ging die gewogene Biomasse zurück, in den Sommermonaten sogar um 82 %. Die Ursachen konnten nicht nachgewiesen werden. Klimaerwärmung, Biotopmanagement und veränderung konnten als ins Gewicht fallende Ursachen von den Forschern ausgeschlossen werden. Die Ursachen müssen in weiteren Forschungen belegt werden.
Der Link zur Veröffentlichung:
http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0185809
B
Die Folgen
Hier einige kurze Stichworte dazu:
– Brauchen wir wirklich Insekten?
Insekten stehen im Zentrum von Lebensgemeinschaften, die Pflanzen, Bodenleben, Vögel und andere Tiere, auch Menschen umfassen. Die Insekten leben von Pflanzen und umgekehrt funktioniert Pflanzenleben nicht ohne sie. Ohne Insekten sind die meisten Vögel, Pflanzen und Kleinsäuger zum Aussterben verurteilt – und wir vielleicht auch. 
– Funktionsverlust
In unserer üblichen Sichtweise betrachten wir Tiere, Pflanzen und andere Lebewesen immer vereinfacht als einzelne Arten. Das verstellt uns aber den Blick auf das wirkliche Leben der Natur und hindert uns, die Natur
zu verstehen. Ein Beispiel: Alle Pflanzen leben mit Pilzen, Bakterien, Bodenlebewesen, Insekten und anderen Tieren in Lebensgemeinschaften, in denen sie untereinander verbunden und von einander abhängig sind.
Durch das Verschwinden einzelner Arten wird das Zusammenwirken in der Lebensgemeinschaft unmöglich. Die Lebensgemeinschaft zerfällt, ihre Funktion in der Natur erlischt. Das führt zu sogenannten Kaskadeneffekten, in denen das Erlöschen einer Funktion das erlöschen mehrerer anderer Funktionen nach sich zieht.
Auch wir sind vom Funktionieren möglichst vieler Lebensgemeinschaften in der Natur abhängig, auch wenn wir es nicht unmittelbar sehen können. Sterben die Insekten oder andere Gruppen von Organismen aus, wird am Ende auch der Mensch nicht überleben können.
– Artenvielfalt (Biodiversität)
Alle Lebensgemeinschaften in der Natur erfüllen wichtige Funktionen für die Gesamtheit der Natur und die Grundlagen allen Lebens.
Je mehr Arten es gibt, um so mehr Funktionen kann die Natur erfüllen.
Je weniger Arten es gibt, um so bedrohter sind unsere Lebensgrundlagen.
– Verinselung
In einer naturfeindlichen Umgebung von Intensiv-Landwirtschaft und Stangenwald-Forsten sind Naturschutzgebiete kleine Inseln, in denen viele Arten geschützt überleben. Die Isolation der Arten verhindert genetischen Austausch und lässt ihre genetische Vielfalt verarmen. Damit scheitert die ständige Anpassung an sich verändernde Umweltbedingungen.
Die Arten sind unter diesen Bedingungen langfristig nicht überlebensfähig, selbst wenn keine andern Faktoren sie beeinträchtigen würden.
C     
An diesen Verlusten sind vermutlich viele Faktoren beteiligt. Als unsere Städte im Smog der Industrialisierung versanken, schien uns die Landschaft draußen mit ihrer bäuerlichen Landwirtschaft noch als paradiesischen Natur – das Gegenteil zur Verseuchung unserer Umwelt. Es war aber eine Illusion, dass die Landwirtschaft von den Umwälzungen in den Produktions- und Lebensverhältnissen verschont bleiben würde. Augenfällig für uns sind die Veränderungen, die die heutige Landwirtschaft in unserer Landschaft hervorruft. Landwirtschaft ist nur ein Teil der gesamten Veränderungen in Wirtschaft und Gesellschaft. Alle diese Veränderungen haben einen erheblichen Anteil an strukturellen Vor – oder Nachteilen für die Natur. Die Rahmenbedingungen, unter denen Landwirte, auch Bio-Landwirte, heute wirtschaften, sind von der Gesellschaft gesetzt, von der Politik, vom Handel und von der Industrie. Landwirte erzeugen heute unter diesen Vorgaben mit hoher Fachkenntnis und viel persönlichem Einsatz Lebensmittel in der Qualität und Menge, die die Gesellschaft verlangt. Dennoch oder gerade deswegen kann es kein Fehler sein, zu benennen, wie sich das auf die Natur auswirkt, ohne zu vergessen, dass andere Faktoren, wie Industrie, Energieerzeugung, Verkehr und Zersiedelung möglicherweise größeren Einfluss haben. Manches davon scheint heute unverzichtbar, aber nicht alles. Landwirte sind die Fachleute, die benennen könnten, was kurzfristiger verändert werden könnte. Ohne finanziellen Ausgleich machen Änderungswünsche allerdings keinen Sinn. Auch die heutige Landwirtschaft hat positive Effekte auf die Natur, die nicht außer acht gelassen werden dürfen, z. B. dass die Landwirtschaft einen Hauptanteil an der Offenhaltung unserer Landschaft hat, eine wichtige Voraussetzung für Artenvielfalt.